Sonntag, 20. November 2022

Der Strommast und die Laterne

Meine zehnjährige DIY-Liebesgeschichte


Im Herbst 2012 begann ich, "Stromiges" zu fotografieren. Insbesondere Strommasten erhielten meine Aufmerksamkeit. In Ostia, bei der Bahnstation, gab es einen solchen Kandidaten. Ihm und einer etwas entfernt stehenden Laterne widmete ich heute vor genau 10 Jahren, am 20. November 2012 also, eine Geschichte.


Der Strommast und die Laterne


Liebe Leute, und dies ist die Geschichte eines Strommastes und einer Laterne. Der Strommast stand jahrelang alleine an einer Strasse, er stand und stand. Er war seines Lebens überdrüssig, da es langweilig geworden war. Er kannte jeden Passanten, der vorbeiging, jedes Fahrrad, das vorbeifuhr und jedes Auto, das durchbrauste. Er wusste, wann der Postbote, die Strassenwischmaschine und die Schülerlotsin kam. Er kannte den Lauf der Jahreszeiten, die Länge der Tage und vor allem die Länge der Nächte. Und diese waren es, die ihm strommastige Depressionsschübe verpassten. Da war's dunkel, zappenduster und nichts war mehr, wie es tagsüber oder in der Dämmerung war. Nicht einmal der Wechsel des Mondes und die wandernden Sterne konnten ihn trösten. Es war bitter, bis zu diesem einen Tag, als die Laterne kam. Sie wurde ihm gegenüber auf der anderen Seite der Strasse aufgestellt.


Sie war schön und sie machte etwas, was dem Strommast bisher verwehrt war. Sie machte die Nacht zum Tage. Und sie schuf dem Strommast ein Nachtleben, das ihn die Langeweile des Tages vergessen liess. Er sah Passanten, die er noch nie gesehen hatte, Fahrräder und Autos, die noch nie vorbeigebraust waren. Und er beobachtete Nachtschwärmer, Menschen, die er bisher nicht zu sehen vermochte. Seine Depressionen verschwanden und machten anderen Gefühlen Platz.

Ja, ihr ratet richtig. Er verliebte sich in die Laterne. Das kann doch gar nicht sein, mögt ihr euch denken, aber ich sage: So selten sind solche unglaublichen Lieben gar nicht. Da verliebte sich zum Beispiel Mister Sunshine in Lady Moon, Tristan in Isolde, Romeo in Julia, Humbert in Lolita, George in Gauvain, Lady Di in Charles und Heidi in Seal.

Die Frage ist, ob man einer solchen Liebe überhaupt eine Chance geben kann oder soll. Ja, lasst es uns tun!

Also, zurück zu Strommast und Laterne. Hier stellt sich die Frage, wie man diese Chance in die Realität der Kurzgeschichte umsetzen soll. Stellt euch doch nur so zum Sagen den ersten Kuss vor! Da beugt sich der Strommast zur Laterne hin und presst eine seiner keramischen Isolatoren auf die blankpolierte Glaskugel der Laterne? Und die folgende Umarmung? Da winden sich Holzmast und Stahlpfahl umeinander, bis sie, einem Zwirbelbrot ähnlich, schon langsam wieder an die Entwirbelung denken müssen.

Nein, so kann das doch nicht gehen, oder? Obwohl: Fantasie lässt ja alles zu. Da könnten sich sogar der Strommast und der Laternenpfahl durch ein Wurmloch in ein anderes Universum auf und davon machen, in eines, in dem das Kuss- und Umarmungsproblem kein Problem mehr wäre. Aber wenn das, warum wäre dann der Strommast nicht auch durch eben dieses Loch bereits zu Beginn seiner Depression entflohen? Bleiben wir folglich in unserem Universum, auf unserer Erde und in unserer Zeit.

Im Hier und Jetzt teilen sich ja Strassenmasten und Laternen das gleiche Schicksal. Tagaus, tagein werden sie von geschwindigkeitsüchtigen, weltüberdrüssigen, alkoholisierten und motorisierten Erdenbürgern gerammt, gestaucht und sogar abgeschossen.


Dieses Schicksal könnte man doch als Aufhänger für die Liebesgeschichte nehmen. Da rast zum Beispiel der Norweger Petter Solberg auf der Frankreich-Rally mit seinem Fiesta WRC in den Strommast und dieser fällt um. Der Titel der Liebesgeschichte wäre dann: "Strommast legt sein Herz einer Laterne zu Füßen". Oder da wäre der polnische Priester, der alkoholisiert einen Strommast rammt. Erst in diesem Moment des Strommastschmerzes wird die Laterne auf den Nachbarn aufmerksam. Die Liebesgeschichte nimmt ihren Lauf.

Dieses gleiche Schicksal von Strommast und Laterne hat auch seine Tücken. Wie geht es weiter, wenn die Laterne Feuer gefangen hat? Feuer! Das wäre doch auch ein Stichwort: Strommast fängt Feuer und die Laterne entbrennt in Liebe. Das ginge dann so, dass ein Funkenerregen niedergeht und unser Strommast Feuer fängt. Die Feuerwehr braust an und bringt den Brand unter Kontrolle. Die Laterne entbrennt in Liebe. Der Feuerwehrkommandant hat es ihr angetan.

Ja, ihr habt Recht. Es ist wirklich ein bisschen irre, eine Geschichte schreiben zu wollen, in der ein Strommast und eine Laterne ein Liebespaar werden. Wie kann man überhaupt auf eine solche Idee kommen?

Schuld waren die Fotovorlieben: Laternen und Strommasten. Es wäre doch eine tolle Idee, ein Foto zu machen, auf dem sowohl Laterne als auch Strommast Sujets wären. Und noch besser wäre es, wenn ich dann mit Hilfe des Fotos eine Strommast-Laterne-Liebesgeschichte schreiben würde.

Gesagt, getan: Das Foto ist im Kasten, aber mit der Geschichte wird es wohl nichts werden.

Also wieder einmal, schon wie bei meiner Rübezahl und Loreley-Trilogie, die berühmt-berüchtigte „Zwei-Königskinder“-Problematik. Sie können zusammen nicht kommen, denn das Wasser ist viel zu tief.

Das Wasser, das sind religiöse, kulturelle, moralische Unüberwindbarkeiten.
Aber, und ich komme nun wieder zurück auf den Strommast und die Laterne: Wasser könnte die ultimative Lösung sein. Eine Überschwemmung lässt den elektrischen Strom und folglich auch den elektrisierenden Funken der Liebe durchs Wasser hin- und herschwitchen. Strommast und Laterne werden in nie mehr zu zerstörender Verbundenheit vereinigt. Sie bekommen Schmetterlinge in den Pfählen und sehen Passanten, Velofahrer, Automobilisten, Strassenwischmaschinen und Postboten rosarot. Als der Monogamie verpflichtet schwören sie ewige Liebe und Treue und all dies bis in alle Ewigkeit, bis dass der Laternenpfahl zu Cheminée-Holz und die Laterne recycelt wird.


Barbara